Das Erwartbare ist eingetroffen, die Umweltverantwortungsinitiative (UVI) und damit die Verarmung der Schweiz wurde abgewehrt, Gratulation. Aber einmal mehr muss man schlicht und ergreifend konstatieren, dass es auch in diesem Fall nichts nützen wird, dass 70 Prozent mit ihrem Nein den Kopf ganz tief in den warmen Sand des materiellen Wohlstands gesteckt haben und beim Wiederauftauchen erstaunt und erschreckt feststellen werden, dass der Klimawandel immer noch da ist, die Wasserknappheit ebenfalls, die Pestizidbelastung auch, und dass all die anderen planetarischen Grenzen, die wir überschritten haben, immer noch gültig sind, Volksmehrheit hin oder her.
Sie beschäftigt mich sehr, diese eigenartige und zugleich sehr leicht nachvollziehbare Widersprüchlichkeit zwischen der Einsicht – denn die meisten dieser 70 Prozent sind ja keine Klimaleugner:innen – und dem Unwillen, daran etwas ändern zu wollen. Das Beharren auf dem ‹Recht› zum ungebremsten Konsum und der damit verbundenen Umweltzerstörung, diese unbändige Lust zur Selbstzerstörung, die ist sehr dominant, und diese Lebensform scheint ja sogar weltweit durchaus nachahmenswert zu sein. (Demgegenüber war hier interessanterweise die Zustimmung bei den Personen mit einem Einkommen von unter 4000 Franken pro Monat am höchsten.) Jedenfalls muss man dieser Tage schon sehr widerstandsfähig sein, um nicht einem Zynismus zu verfallen, der nüchtern konstatiert, dass die USA und Brasilien unzuverlässig bezüglich der Umweltverantwortung sind, Russland und China zuverlässig verantwortungslos, der globale Süden (inkl. Indien) andere Probleme hat – und allerhöchstens Europa die Musterschülerin spielt und sich immerhin einigermassen Mühe gibt, ihren Fussabdruck etwas zu mässigen, zumindest teilweise, zumindest in manchen Belangen, aber letztlich einsam auf weiter Flur. Und ich verzichte darauf, hier einmal mehr aufzuzählen, was im Moment alles schief läuft, angefangen damit, dass der Verbrauch fossiler Energien sogar noch ansteigt, und so weiter, und so fort.
Es war, glaube ich, vorab der französische Philosoph und Sozialwissenschaftler Bruno Latour, der festgestellt hatte, dass die Widersprüchlichkeit (Latour spricht von «Orientierungslosigkeit») eines der Erkennungsmerkmale der Moderne wie der Postmoderne ist und dass die Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Natur, bzw. die tiefgreifende Abhängigkeit Ersterer von Letzterer, ein zentrales und komplett unterschätztes Thema unserer Zeit sei. Es mag eine Folge davon sein, dass er vor allem bei der Klimathematik von einem regelrechten Krieg gegen die Wissenschaften sprach – etwas, das wir gerade wieder im Abstimmungskampf gegen die UVI erlebt haben. Vorab der Liberalismus tut sich dabei hervor mit seiner vormodernen, ja geradezu magischen Denkweise (etwa, dass unerschöpfliches materielles Wachstum möglich sei), mit seinem irrationalen und anti-empirischen Festhalten an Eigenverantwortung als Mittel zur Weltrettung, oder mit seiner eher theologisch als rational zu erklärenden Liebe zur unsichtbaren Hand des Marktes als Regulatorium weltweiter Handels- und Wirtschaftsbeziehungen
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Der Sand für all die Köpfe, die sich vor der Realität verstecken, ist weiterhin warm und gemütlich, zumindest noch eine Zeit lang. Und zumindest in unserer Weltgegend. Die Ernüchterung wird zwangsläufig kommen, by design or by desaster. Die UVI wollte designen und ist gescheitert. Aber sie wird nicht der letzte Versuch sein. Was denn sonst?
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