Artikel, p.s. Zeitung

Neutral?

Im Kunstmuseum Aarau ist gerade eine Ausstellung zur Neutralität zu sehen, wobei sich diese nicht nur auf den politischen oder gar militärischen Aspekt bezieht, aber auch. Im Vorraum bei den Garderobekästchen kann man einen Test zu seiner Einstellung zum Thema machen und bekommt dann ein Resultat ausgespuckt, das in 4 Quadranten eingeteilt ist. Einer davon heisst: «Neutralität gibt es nicht.» Und dann darf man sich einen Schwiizerchrüüzli-Kleber nehmen und den in ein grosses 4-Quadrantenfeld an der Wand kleben. Einmal raten, wo mit Abstand am meisten Kleber kleben.

Die Schweiz, dieses Land im Reformstau, das nach 177 Jahren bürgerlicher Mehrheiten in Parlament und Exekutive gründlich in der Sackgasse steckt, hätte eine breite und vertiefte Debatte über Neutralität dringend nötig. Interessiert aber keine Sau. Ausser ein paar Versatzstücken aus der Mottenkiste (Niklaus von Flüe!) hört man kaum Nützliches oder Innovatives dazu. Unsere Bundespräsidentin entblödete sich letzthin nicht, eine antidemokratische und antischweizerische Rede von J. D. Vance als demokratisch und schweizerisch zu bezeichnen. Darauf zur Rede gestellt, wollte sie das aber gar nicht als Positionsbezug verstanden wissen. Das deutet auf eine zweite Problematik hin: Dass man in den Momenten, in denen man die Leerformel Neutralität mit Rückgrat füllen könnte, nicht über Verlogenheit hinauskommt. Dabei beginnt es schon mit dem militärischen Aspekt, wo «haltet euch aus fremden Händeln heraus» die Spitze der Expertise zu sein scheint. Ob die aktuellen «Händel», ob europäisch oder global, überhaupt noch als «fremd» angesehen werden können – egal. Und ob wir uns wirklich daraus fernhalten, wenn wir nichts tun, etwa bei Sanktionen – egal. Schon hier zeigt sich, dass es in vielen Konfliktsituationen gar keine Neutralität geben kann. Ein Positionsbezug ist immer schon da, vor allem auch dann, wenn keiner erfolgt.

Es ist schon erstaunlich, wie wenig wir beachten, dass wir geografisch mitten in Europa liegen. Aber die Geografie ist ja im digitalen Zeitalter oder, wenn Sie’s faustdick brauchen: im Zeitalter der Interkontinentalraketen ohnehin, genau: egal. Wenn also, nur so als Beispiel, der Russe im Rahmen einer versteckten «militärischen Spezialoperation» das europäische Stromnetz lahmlegt, was glauben Sie, ob das auch uns betrifft oder nicht? Eher nicht, weil wir ja neutral sind? – Ökonomisch gesehen erleben wir seit den 90ern des letzten Jahrhunderts die, genau: Globalisierung. Zumindest für Waren, Dienstleistungen, Geld, Umweltzerstörung und Klimaerhitzung, etwas weniger für Recht, Solidarität oder Gleichheit. Neutral kann in einer solchen Situation gar niemand sein, es gibt Gewinner und Verlierer, die Konzerninitiative hat das, falls überhaupt noch nötig, deutlich gezeigt. Auch die Schweiz beteiligt sich eifrig am globalisierten Handel, (was ja auch sprachlich nicht so weit von «Händel» entfernt ist). Und kulturell gesehen sind wir, waren wir, werden wir immer sein: ein Bestandteil des Westens. Klar Partei.

Die Neutralität nach Niklaus von Flüe war vielleicht im Konflikt zwischen Kain und Abel noch zu rechtfertigen und auch vielleicht ein cleverer Schachzug um 1848, der das junge Staatswesen etwas aus der Schusslinie hielt, aber was daraus wurde, diese institutionalisierte Vogel-Strauss-Haltung, viel Opportunismus und Rosinenpickerei, das führt uns nicht aus der Sackgasse. Nur, zuerst müssten wir das mal erkennen und beginnen, offen darüber zu reden. Am besten ergebnisoffen.

Der Beitrag Neutral? erschien zuerst auf P.S..

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